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Ein Lehrstück zum Elend des Klassenkampfs in Deutschland

Kommentar von Christian Frings vom 18. Mai 2018

Zur Streikversammlung der Vivantes Service GmbH am 8. Mai 2018 in Berlin

Der zehnminütige Video-Mitschnitt aus einer Streikversammlung von Streikenden bei der Vivantes Service GmbH, einer Tochterfirma des Berliner Krankenhausbetreibers Vivantes, (https://de.labournet.tv/streikversammlung-vsg-852018-1) bietet einen höchst aufschlussreichen Einblick in das Innenleben von Arbeiterklasse und gewerkschaftlichen Kämpfen, das bei den jetzt überall in der Linken geführten Diskussionen um „neue Klassenpolitik“ und den verlorengegangenen Bezug auf die Arbeiterklasse in der Regel eine „black box“ bleibt. Es lohnt sich daher, den Verlauf der Diskussion im Detail zu betrachten. Zumal dieses Video selbst einen Ausnahmefall darstellt – in der Regel bemühen sich Gewerkschaften, interne Diskussionen wie auf einer Streikversammlung dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen. Begründet wird dies mit dem durchaus richtigen Argument, dass sonst der „Feind“, d.h. das Unternehmen, gegen das sich der Streik richtet, zu viel Informationen über die Streiktaktik oder Spaltungslinien unter den Streikenden mitbekommen und gegen den Streik verwenden könnte. Aber was, wenn der „Feind“ schon längst mitten unter den Streikenden sitzt? Und wenn es gar nicht darum geht, den Streik wirksam und machtvoll zu gestalten, sondern nur noch darum, wie er schnellstmöglich beendet werden kann? Genau das lässt sich in dem Video schön beobachten und es sollte in der Linken eigentlich Fragen aufwerfen, ob ihre ständige Gleichsetzung von Klassenkampf mit Gewerkschaft nicht dringend zu hinterfragen wäre.

Dringend gerade deshalb, weil solche Abläufe im Kleinen auch etwas darüber erzählen, warum rechter Populismus an vielen Orten in dieser Gesellschaft erfolgreich sein kann. Und warum linke Politik dem nichts entgegenstellen kann, solange sie sich ihren Bezug auf Arbeiterklasse nur noch über die sozialpartnerschaftliche Vermittlungsinstanz Gewerkschaft vorstellen kann, statt sich unmittelbar und direkt auf das Proletariat und seine Probleme zu beziehen – indem wir zum Beispiel einfach mal mit den eigentlichen Akteurinnen und Akteuren eines solchen Streiks reden, statt uns immer gleich an die selbsternannten professionellen Repräsentanten solcher Konflikte zu wenden.

Der Ausgangspunkt der Situation bei der Vivantes Service GmbH und des Streiks ihrer Beschäftigten ist exemplarisch für tausende solcher Situationen in Deutschland: Ein großer Konzern, der aus einem finanzmarktgetriebenen Konzentrationsprozess hervorgegangen ist, lagert einzelne Bereiche in Zulieferfirmen aus. Dass es sich bei Vivantes quasi um einen Staatsbetrieb, hier in kommunaler Hand, handelt, zeigt lediglich, wie weit sich auch der Staat in den letzten Jahrzehnten den neoliberalen Strategien der Kapitalverwertung unterworfen hat. Mit der Auslagerung von Bereichen wie Sterilisation, Krankenbegleitservice, Logistik usw. soll die Belegschaft gespalten und ein gemeinsamer Kampf der angeschwollenen Gesamtbelegschaft verhindert werden. „Zentralisierte Dezentralisierung“ ist die Strategie – auf Kapitalseite wird die Geldmacht gebündelt, auf Arbeiterseite soll aber jede Vereinheitlichung und Nutzung des objektiv größeren Machtpotentials verhindert werden. Die Gewerkschaften haben schon lange ihren Kompromiss mit dieser Strategie gefunden. Bei den ersten Auslagerungen gibt es noch ein bisschen Protest, dann geht es nur noch darum, auch die ausgelagerten Bereiche in eine von den Gewerkschaften verwaltete tarifliche Regulierung zu bekommen, um den Preis, dass dort dann zwar Tarif und Betriebsrat existieren, die Bedingungen aber oft deutlich schlechter als bei den im Konzern verbliebenen Stammbelegschaften sind. So bekommen die Beschäftigten der Vivantes Service GmbH bis zu 40 Prozent weniger Lohn als die sogenannten „Gestellten“, die noch Arbeitsverträge mit dem Mutterkonzern haben.

Eine moralische Kritik daran geht an den Gewerkschaften vorbei, weil sie letztlich auch nur Wirtschaftsbetriebe sind, die auf ihre Ausgaben und Einnahmen achten müssen. In dieser betriebswirtschaftlichen Logik ist es einfach sinnvoller, sich auf die stabiler beschäftigten und daher besser dauerhaft organisierbaren Stammbelegschaften zu konzentrieren, als zu viel Geld und Personal auf fluktuierende Randbelegschaften zu vergeuden. Das weiß jede hauptamtliche Gewerkschaftssekretärin und es wird ihr oder ihm täglich im Apparat vermittelt, dass von der Befolgung dieser selektiven Tagespolitik letztlich auch ihr oder sein Job abhängt. Wer das von links oder von einer Position des Klassenkampfs aus kritisieren will, müsste sich materialistisch mit den Grundlagen unseres verrechtlichten und institutionalisierten Systems industrieller Beziehungen im sozialstaatlich befriedeten Kapitalismus auseinandersetzen, statt kurzschlüssig Klassenkampf mit Gewerkschaft gleichzusetzen. Die eigentlich sehr zu begrüßende Debatte über eine „neue Klassenpolitik“ leidet zur Zeit noch darunter, dass die konkreten Vermittlungsformen, die sich der Kapitalismus in den letzten 150 Jahren schaffen konnte, um den Klassenkonflikt in den reichen Metropolen seines Weltsystems zu befrieden und stillzulegen, nicht wirklich analysiert und in die Vorschläge für unsere eigene Politik einbezogen werden. Daher landen gutgemeinte Versuche, proletarische Kämpfe zu unterstützen, nur zu leicht in den Fesseln der staatlich regulierten und gewerkschaftlich moderierten Rituale der ohnmächtigen Konfliktverwaltung – was mit der ständigen Verschärfung der kapitalistischen Angriffe auf unsere Lebensbedingung zu einem zunehmenden Misstrauen in der Arbeiterklasse gegenüber linker Politik führen muss.

Vor diesem Hintergrund lässt sich der auf den ersten Blick skurril oder skandalös wirkende Ablauf auf dieser Streikversammlung besser verstehen. Während die Beschäftigten lebhaft und mit konkreten Vorschlägen darüber diskutieren, wie sie ihren mittlerweile 28 Tage andauernden Streik trotz der unnachgiebigen Haltung des Arbeitgebers zum Erfolg bringen können, wechselt die anwesende Spitzenfunktionärin von ver.di auf einmal ihre Rolle, setzt sich – mit dem albernen formalen Hinweis auf ihre Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von Vivantes, dank deutscher Mitbestimmung – den „Hut“ des Kapitalisten auf, erklärt den anwesenden Streikenden die „Sachzwänge“ des Systems und wirbt um Verständnis für die armen Unternehmer, die ja auch nur ordentlich ihren Job machen und im Verhältnis zu anderen Managern gar nicht sooo viel verdienen würden. Während die streikenden Gewerkschaftsmitglieder noch glauben, mit dieser Spitzenfunktionärin ernsthaft über eine erfolgreiche Fortführung des Streiks sprechen zu können, läuft in deren Kopf schon ein ganz anderer Film ab: Wie kriegen wir als Organisation diesen schon viel zu lang und zu teuer gewordenen Streik möglichst schnell und mit den geringst möglichen Verlusten (z.B. durch Mitgliederaustritte oder Imageschaden) beendet? Von ihrem Standpunkt aus ist dies eine völlig korrekte betriebswirtschaftliche Überlegung, die dem Erhalt des Wirtschaftsunternehmens ver.di dient. Darin einen Skandal sehen kann nur, wer dem Unternehmen Gewerkschaft auf idealistische Weise einen völlig anderen Zweck als den wirklichen unterstellt.

Wer innerhalb von Gewerkschaften eine Karriere als Hauptamtlicher durchläuft, bekommt schon früh vermittelt, dass die wichtigste Qualifikation eines Gewerkschaftssekretärs im Streikgeschehen nicht darin besteht, einen Streik zu beginnen und erfolgreich zu führen, sondern ihn beenden zu können. Im Alltagsgeschäft von Gewerkschaften sind Streiks ein unvermeidliches Übel, keineswegs das Ziel. Sie dienen der Selbstdarstellung als kämpferische Repräsentation von Arbeiterinnen und Arbeitern, um zahlende Mitglieder zu gewinnen. Die Ziele eines Streiks, die Verbesserung von Arbeitsbedingungen oder Entlohnung, sind lediglich Mittel zum Zweck. Diese Verkehrung von Ziel und Mittel, die Verselbständigung des Organisationserhalts als primärem Zweck, dem die nach außen propagierten Ziele faktisch untergeordnet werden, wurde schon vor über hundert Jahren von Soziologen wie Robert Michels als „ehernes Gesetz der Oligarchie“ beschrieben und analysiert. Aber wie wir von Marx wissen, kann wissenschaftliche Kritik alleine nie die Wirksamkeit von Ideologie und ideellen Verkehrungen vertreiben – sie wachsen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus den materiellen Verhältnissen hervor und verfestigen sich gleichermaßen in den Köpfen der breiten Massen wie in den kritischen Hirnen der linken Intelligenz. Allerdings könnte die Aufgabe einer kritischen linken Intelligenz darin bestehen, diese Zusammenhänge zu durchleuchten und zu analysieren. In ihrer Praxis könnten sie sich dann auf die bisher noch marginalen Momente in konkreten, auch gewerkschaftlich verwalteten, Konflikten beziehen, in denen so etwas wie proletarisch-selbständige Führung des Kampfs aufblitzt und Kolleginnen und Kollegen tatsächlich versuchen, die Machtfrage zu stellen, indem sie nach den Punkten suchen, an denen dem Kapital ein ernsthafter ökonomischer Schaden zugefügt werden kann.

Dafür sind diese kurzen zehn Minuten Diskussion sehr aufschlussreich. Die Spitzenfunktionärin verhält sich mehr oder weniger wie nach den gewerkschaftsinternen Schulungsunterlagen: Erst mal die Streikenden loben, wie toll und engagiert sie kämpfen; davon reden, dass Druck aufgebaut werden muss; dann allmählich Bedenken einflechten, den bösen Unternehmer anklagen, weil er durch Leiharbeiter den Streik unterläuft (na was denn sonst, das ist sein Job – der Job einer guten Streikleitung wäre es, das wirkungsvoll zu verhindern); an allen Punkten, an denen ein bisschen „Klassenhass“ aufkommt, vor einer „Neiddebatte“ warnen und sich schützend vor die Sachzwänge des Kapitalismus stellen; und es schließlich den Streikenden überlassen, sich durch Hinweise auf Ermüdungserscheinungen und die Frage, wie viel Verzicht noch als „Erfolg“ zu verkaufen wäre, auf das baldige Ende des Streiks einzustellen. Nur das mit dem Aufsetzen des „Unternehmerhuts“ ist ein bisschen ungeschickt und entblößend, und wäre einem besser geschulten IG-Metall-Funktionär sicherlich nicht passiert; der hätte auf seine nächtelangen und schweißtreibenden Rededuelle im Aufsichtsrat für die gute Sache verwiesen.

In der Diskussion unter den Kolleginnen und Kollegen, in die sie irrtümlicherweise auch ihre ver.di-Funktionärin einzubeziehen versuchen, stehen sich zwei Logiken gegenüber, ohne dass dies allen wirklich klar wird. Das eine ist die Logik von zwei Klassen, die gegeneinander kämpfen. Das ist eine Machtfrage und es geht darum, wie möglichst effektiv Druck ausgeübt werden kann. Die Frage, woher das Geld kommt, wie die kapitalistischen und staatlichen Strukturen das in ihren diversen Kostenstellen verbuchen oder welche der Pappnasen was entscheidet, ist dabei völlig uninteressant. Wenn wir von den Unternehmern ausgebeutet werden, müssen wir uns nicht auch noch den Kopf darüber zerbrechen, wie sie die Bezahlung unserer Arbeitskraft buchhalterisch sortiert bekommen. Es geht schlicht um unser Überleben.

Das andere ist die Logik der Verteilung von Geld aus einem vorgegebenen Topf fixer Größe; ein Verteilungskampf in gesamtwirtschaftlicher Verantwortung, d.h. die Berücksichtigung des begrenzten Geldtopfs, aus dem alles Mögliche bezahlt werden kann oder muss. In dieser zweiten Logik gibt es keine Klassen mehr, sondern nur noch einzelne diffuse Gruppen von Einkommensbeziehern, zu denen neben Arbeiterinnen, Managern, Beamten usw. dann auch die Geflüchteten aus Syrien gehören können. Als ein Kollege in dieser Logik auf vier Mrd. Euro hinweist, die für die „Syrer“ zur Verfügung steht, wird er von der Mehrheit der Streikenden politisch korrekt zur Ordnung gerufen. Aber damit verpassen auch die anwesenden Linken den eigentlich interessanten Aspekt seines Beitrags – dass nämlich diese, auch von den Gewerkschaften gepflegte Verteilungslogik die Leute in Zeiten fehlender Klassenkämpfe unweigerlich in die Arme von AfD und anderen rechten Gruppen treibt. Denn wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter keine Perspektive mehr sehen, eigene Macht zur Durchsetzung ihres Überlebensinteresses zu entwickeln (und tragischerweise sind die Gewerkschaften stark daran beteiligt, sie dieser Perspektive zu berauben), dann kann das Fehlen eigener Macht nur durch die Anrufung einer anderen, sprich staatlichen Macht kompensiert werden; dann kann das eigene Interesse nur noch als besonderes im Nullsummenspiel begrenzter Geldtöpfe gesehen werden, d.h. ich kann nur etwas bekommen, wenn es anderen weggenommen wird. Und am leichtesten lässt es sich immer denen wegnehmen, die sich leichter gesellschaftlich und politisch diskriminieren lassen, ob es nun Frauen, Alte, Ausländer oder Geflüchtete sind – die staatlicherseits zugeschriebenen „Identitäten“ spielen hier die entscheidende Rolle.

Dass diese Logik der Geldverteilung statt Klassenkampf nicht nur von der ver.di-Funktionärin, sondern auch von vielen der Streikenden in die Diskussion getragen wird, ist sichtbar selbst schon ein Reflex auf die Wirkungslosigkeit des Streiks. Der eine kämpferische Kollege vorne neben der Funktionärin, der sich bei ihr beinah dafür entschuldigt, dass er das böse Wort von der „kapitalistischen Profitgier“ in den Mund nimmt, weist zwar unumwunden darauf hin, dass es nicht um die Umverteilung von Geld geht. Aber weil die eigentliche Frage, nämlich wie der Streik wirksam zu führen wäre, gar keinen Platz findet, setzt sich doch immer wieder diese zweite fatale Logik in der Diskussion durch.

Zu lösen wäre dieses Dilemma letztlich nur durch eine selbstständige Streikleitung und ein Ausbrechen aus dem gewerkschaftlichen Zwangsrahmen – eine Hürde, die angesichts der extrem repressiven juristischen Eindämmung des Streiks in Deutschland sehr hoch und von einer kleinen Belegschaft wie bei dieser Vivantes-Tochter alleine nicht zu überwinden ist. Ausnahmen bestätigen die Regel: Beim Botanischen Garten in Berlin ist es durch die Hartnäckigkeit der Belegschaft gelungen, die ausgelagerten Bereiche zum 1. Januar 2018 wieder in die Stammbelegschaft zurückzuholen und damit die Lohnspaltung aufzuheben.

Aber eben weil dies eine der spärlichen Ausnahmen darstellt, bedürfte es einer breiteren gesellschaftlichen Solidarität für solche Kämpfe und wirklich linker Kräfte, die unter „Klassenpolitik“ etwas anderes als das Nachtraben hinter den etablierten Gewerkschaften verstehen und wieder einen bewussten Begriff der Logik des Klassenkampfs entwickeln.

 

Nachtrag vom 19. Juni 2018

Der Schluss meines Kommentars hat mit der Formulierung, ein „Ausbrechen aus dem gewerkschaftlichen Zwangsrahmen“ sei nötig, das Missverständnis aufkommen lassen, ich würde für ein allgemeines Verlassen der etablierten Gewerkschaften plädieren. Darum geht es aber gar nicht. Unter den jetzigen Bedingungen ist es in Deutschland kaum möglich, ohne eine etablierte und von Staat und Unternehmen anerkannte Gewerkschaft in den Streik zu treten. Tarifautonomie bedeutet hier juristisch, dass die Gewerkschaften das Monopol auf Streikführung haben. Jeder Streik ohne sie wäre sofort illegal und mit dem Risiko von Strafverfolgung und Schadensersatzklagen verbunden. Daher brauchen wir in vielen Fällen diese Gewerkschaften, um überhaupt in den Streik treten zu können. Es ist im Grunde genauso wie mit der Kfz-Versicherung fürs Auto – sie ist gesetzlich vorgeschrieben, damit ich Autofahren darf. Und streiken darf ich nur, wenn eine Gewerkschaft, die genügend Mitglieder im Betrieb hat, dazu aufruft.

Aber kein Mensch würde auf die Idee kommen, sich wegen dieser staatlichen Versicherungspflicht an seine Kfz-Versicherung zu wenden, um Demonstrationen gegen Benzinpreissteigerungen oder korrupte Autokonzerne zu organisieren. Das müssen wir schon selber tun. Genauso unsinnig ist es aber auch, von den juristisch mit dem Streikmonopol ausgestatteten Gewerkschaften zu erwarten, dass sie unsere Arbeitskämpfe effektiv und im Sinne unserer Interessen organisieren werden. Auch das müssen wir schon selber tun. Und sobald wir – oft nach erheblichen Anstrengungen, wie bei VSG – „unsere“ Gewerkschaft dazu gebracht haben, endlich für unsere Forderungen auch zu streiken, bestehen durchaus viele Möglichkeiten den Streik selber zu gestalten und wirksam werden zu lassen. Nur dürfen wir nicht in die Illusion verfallen, die Gewerkschaft würde uns dabei helfen oder konsequent auf unserer Seite stehen. Sie ist nur die Kfz-Versicherung für unseren Streik und genauso nüchtern wie unsere Kfz-Versicherung sollten wir auch sie betrachten.

Denn auch oder gerade im Streik folgen die Gewerkschaften einer völlig anderen Logik, die sich aus ihrem vorrangigen Interesse an der Stabilität der Organisation als Selbstzweck ergibt. Das Streikrecht ist in Deutschland durch kein Gesetz geregelt, aber durch eine sehr präzise und einschränkende Rechtsprechung der Gerichte. Diese besagt, dass sich Streiks an den Grundsatz der „Verhältnismäßigkeit“ halten müssen und das „Gemeinwohl“ nicht gefährden dürfen – andernfalls drohen einer Gewerkschaft gerichtliche Streikverbote oder Schadensersatzforderungen der Unternehmen. Außerdem ist die dauerhafte Anerkennung der Gewerkschaften durch die Unternehmer davon abhängig, dass sie auch während eines Streiks zeigen können, wie gut sie den Kampf kontrollieren und eingrenzen können. Dazu müssen sie sich im Streik den Beschäftigten gegenüber als kämpferische Führung präsentieren und gleichzeitig dem bestreikten Unternehmen glaubhaft vermitteln können, dass sie den möglichen ökonomischen Schaden eingrenzen werden – also genau das einzige Machtmittel, über das wir als Ausgebeutete verfügen, nur ganz dosiert einsetzen werden. Diese chamäleonhafte Vermittlungsfunktion der Gewerkschaften führt gerade in derart streikarmen Zeiten wie den unsrigen immer wieder dazu, dass sich streikende Belegschaften zunächst auf die „Streikführung“ der Gewerkschaft verlassen, erst allmählich und oft zu spät eigeninitiativ werden, um dann, nach Einsetzen erster Ermüdungserscheinungen, überrascht festzustellen, wie sie von „ihrer“ Gewerkschaft überrumpelt wurden. Genau das scheint beim VSG-Streik passiert zu sein: Die ersten drei Wochen dümpelte der Streik fast ohne irgendeine Öffentlichkeit oder spektakulären ökonomischen Schaden für das Unternehmen vor sich hin, um dann, als die Eigeninitiative und Selbstständigkeit der Streikenden zunahm, mit einigen Manövern von der Gewerkschaft vorschnell beendet zu werden.

In diesem Fall hat die Bezeichnung „vorschnell“ sogar einen ganz besonderen Geschmack, wie selbst in der Presse vermerkt wurde. Denn kurz nach dem Tarifergebnis, das gemessen an der langen Streikdauer von fast acht Wochen für viele reichlich unbefriedigend war, platze die Meldung in die Öffentlichkeit, dass der Landesrechnungshof Berlin (!) überhöhte Gehälter und Abfindungen für Manager bei Vivantes gerügt hatte. „Pech für die Arbeitnehmer, dass die Vorwürfe erst jetzt bekannt wurden: Vor einer Woche noch hätten die Berichte die Geschäftsführung in den Verhandlungen unter Druck gesetzt. Für Verdi wäre dann vielleicht mehr herauszuholen gewesen.“ (taz 3.6.2018)

Nun muss man sich das mal ganz praktisch vorstellen: Bevor der Landrechnungshof so eine Rüge ausspricht, muss er eine genaue Prüfung des Unternehmens und seiner Buchführung vorgenommen haben. Und so eine Prüfung kann in den Chefetagen und damit auch im Aufsichtsrat, in dem wiederum verdi vertreten ist, kein Geheimnis geblieben sein. Wie auch immer der Zeitplan organisiert worden ist – ob der Rechnungshof seine Meldung bis zum Streikabschluss zurückgehalten oder verdi einen verfrühten Abschluss vor der zu erwartenden Meldung durchboxt hat –, dieses timing kann offensichtlich kein Zufall gewesen sein und alle drei Parteien, also Staat (Rechnungshof), Unternehmen (Vivantes) und Gewerkschaft (verdi) waren in den Ablauf einbezogen. Aus der Perspektive des Wirtschaftunternehmens Gewerkschaft, das auf seinen Organisationserhalt achten muss, ist das ein völlig korrektes und sinnvolles Verhalten, mit dem es seine Orientierung an „Verhältnismäßigkeit“ und „Gemeinwohl“ unterstreicht. Der Unmut der Beschäftigten speist sich aus der Illusion, sie hätten mit ihrer Gewerkschaft diesen Kampf führen können.

Für die Eigeninitiative und Kampfkraft, die sie dann doch noch während des Streiks entwickelt haben, sind sie nun bitter abgestraft worden. Denn die selbst für gewerkschaftliche Verhältnisse äußerst lange Laufzeit und damit der „Friedenspflicht“ von 3 Jahren und 3 Monaten soll vor allem verhindern, dass nach einem Jahr, wenn die Erfahrungen des letzten Kampfs in der Belegschaft noch frisch und reaktivierbar sind, erneut die Frage im Raum steht, jetzt endlich für die Abschaffung der Spaltung in der Vivantes-Belegschaft zu streiken. Diese Logik ist zwar gut für das Unternehmen verdi, aber fatal für die weitere politische Entwicklung. Letzeres hat auch die taz in ihrem Kommentar zur Rüge des Landesrechnungshofs bemerkt: „Dabei gab es schon länger sehr wohl Geld zu verteilen, so die Erkenntnis nach der neuesten Meldung – aber eben nicht für alle: Die oben machen sich die Taschen voll, die unten lässt man zappeln, das ist der Eindruck, der hängen bleibt, sollte der Klinikkonzern die Vorwürfe nicht entkräften können. Wenn ein landeseigenes Unternehmen so agiert, muss man sich über Zweifel am System, über Frust und Politikverdrossenheit nicht wundern.“ Nur lässt die taz leider unerwähnt, dass die Gewerkschaften zu diesem Frust beitragen.

Die Frage ist also nicht, ob wir in diesen Gewerkschaften bleiben oder die Illusion hegen, andere Gewerkschaften könnten besser sein, oder aus ihnen austreten, sondern ob wir in voller Kenntnis der objektiv vorgegeben Funktion jeder Organisation, die einen Tarifvertrag und damit die Friedensplicht unterschreibt, selbstständig unsere Kämpfe führen und wirkliche Macht entfalten. Angesichts der juristischen und staatlichen Regulierung des Streikrechts werden wir in der jetzigen Situation dafür immer auch Organisationen benutzen müssen, die am staatlich zugewiesen Streikmonopol teilhaben – wir fahren ja auch nicht ohne Kfz-Versicherung mit dem Auto zu einer Demonstration. Was uns nicht davon abhält, so zu demonstrieren, wie wir es für richtig halten.

Warum sollte uns dann die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft davon abhalten, einen Streik von Anfang an in die eigene Hand zu nehmen? Hier hinkt der Vergleich natürlich, denn jede Gewerkschaft hat ein waches Auge darauf, jegliche Eigeninitiative aus der streikenden Belegschaft unter Kontrolle zu halten. Jede und jeder, der schon mal an einem Streik teilgenommen hat, kennt diese pathologischen Kontrollverlustängste der Hauptamtlichen. Ein wichtiges Mittel für die Ausübung dieser Kontrolle ist das Streikgeld. Denn viele Streikende denken im ersten Moment, dass sie im Streik nicht mehr für das Unternehmen, sondern für die Gewerkschaft arbeiten – schließlich zahlt die jetzt den „Lohn“. Und im Ernstfall sind Hauptamtliche ziemlich gut darin, entweder offen oder durch die Blume anzudeuten, dass die Auszahlung des Streikgelds davon abhängt, dass wir ihre Anweisungen befolgen. Daher müssen aktive Kerne in einer streikenden Belegschaft etwas pfiffiger vorgehen und diese Kontrolle des Apparats unterlaufen, ohne sofort in einen offenen Konflikt mit ihm zu geraten, der nur eine Verschwendung von Energie wäre und uns von den eigentlichen Aufgaben ablenken würde: Wie lassen sich unterstützende Kreise gewinnen, die uns bei einer selbstständigen Öffentlichkeitsarbeit helfen können? Wie können wir die heutigen Kommunikationsmittel – Smartphone und Internet – dazu nutzen, unsere eigene Pressearbeit zu machen, denn gerade die dürfen wir nicht der Gewerkschaft überlassen. Wie stellen wir Kontakte zu anderen rebellischen oder streikenden Belegschaften her, denn gerade die Struktur der Gewerkschaften reproduziert ständig die Trennungen und Spaltungen der lohnarbeitenden Klasse in einzelne Branchen, Sektoren, Fachabteilungen und vereinzelte Betriebe. Und vor allem müssen wir selbstständig und in vertraulichen Kreisen die betrieblichen Abläufe untersuchen, um herauszufinden, wo und wie der Streik den größten ökonomischen Schaden bewirken kann. Denn letztlich versteht das Kapital nur eine Sprache, die des Profits.

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