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Filmtour Luft zum Atmen

Bericht

Drei Jahre haben wir an dem Film „Luft zum Atmen - 40 Jahre Opposition bei Opel in Bochum gearbeitet. Nachdem uns im Sommer 2016 die Gruppe oppositioneller Automobilarbeiter GoG gefragt hatte, ob wir den Film machen würden war uns schnell klar: diese Erfahrungen brauchen wir!

 

Kinostart am 5. Mai 2019

Für "Luft zum Atmen" haben wir zum ersten Mal mit einem Filmverleih zusammen gearbeitet, Sabcat Media. Der Kinostart am 2. Mai hat dafür gesorgt, dass wir von Medien rezipiert wurden, die sich bisher nicht für unsere Filme interessiert hatten. Neben einem schönen Artikel in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung hat z.B. auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und der WDR den Film besprochen und Regisseurin Johanna Schellhagen war zum Interview beim Deutschlandfunk Kultur eingeladen. Außerdem haben fast alle linken Zeitungen berichtet, v.a. die Jungle World hat eine sehr schöne Rezension veröffentlicht. (Pressespiegel: https://de.labournet.tv/auffuehrungen-von-luft-zum-atmen)

Premieren in Bochum und Berlin

Die Premieren und Previews in Bochum und Berlin waren gut besucht. Speziell in Bochum kamen viele ehemalige Opel Arbeiter und ihre Familien und Menschen, die als Linke damals im Umfeld der GoG aktiv waren. Danach startete der Film in Berlin, München, Frankfurt a.M, Lübeck und Aachen. Die Kinoauswertung ist im Gange und die nächsten Aufführungen sind in Braunschweig, Freiburg, Bremen, Hamburg, Köln, Mannheim, Berlin und Leipzig, Wien und Bratislawa geplant.

 

Filmtour

Vom 11. bis zum 17. Juni haben wir zusammen mit dem Protagonisten Wolfgang Schaumberg eine Filmtour durch sechs Städte gemacht. Plauen, Jena, Leipzig, Halle, Nürnberg und München. Wolfgang Schaumberg war Gründungsmitglied der GoG, hat 30 Jahre bei Opel gearbeitet hat und war die meiste Zeit davon im Betriebsrat.

Im Osten

In den Städten im Osten war das Publikum durchwegs um die 30, vorwiegend männlich und auf konkret-praktische Weise sehr interessiert. In den von der FAU organisierten Veranstaltungen in Plauen, Jena und Halle bestand ein Interesse, weil die FAU und ihr Umfeld daran interessiert sind, Kämpfe am Arbeitsplatz zu organisieren oder zu unterstützen. Manchen aus dem Publikum haben auch von ihrer Situation am Arbeitsplatz erzählt und es wurde darüber diskutiert, was zu tun sei. Viele denken darüber nach, wie die FAU in größere Arbeitsplätzen aktiv sein könnte.

Frauen*streik
In Jena war die Veranstaltung von der FAU und dem Frauen*streik Jena organisiert worden. Daher waren viele junge Frauen im Publikum, die auch ganz anders reagiert haben, als an anderen Orten, wo das Publikum eher männlich dominiert war. Es gab viel Lob für den Film und Anerkennung für die Filmemacherin. Die Genoss_innen sind sehr mit der Frage beschäftigt, wie wir streiken können, wenn wir nicht in einem regulären Lohnarbeitsverhältnis sind.

In Plauen, einer Stadt ohne nennenswerte Industrie und ohne Universität, hatten wir den Eindruck dass eine mutige Linke, unterstützt durch die Rosa Luxemburg Stiftung, versucht die Stellung gegen die Nazis vom „3. Weg“ zu halten. Es ist sehr wichtig in solche Städte zu fahren und die linke Szene dort zu unterstützen.

Entspannter war die Lage in den Städten im Osten, die Universitätsstädte sind, obwohl auch in Halle z.B. das Thema der Straßengewalt durch Nazis sehr präsent war.

Während die Aufführungen in Plauen, Jena und Halle von der örtlichen FAU (mit)organisiert wurden, hatte in Leipzig die Gruppe translib eingeladen, und es waren 60 Leute gekommen. Ein sehr einheitliches Publikum, weiß, studentisch und um die 25. Hier hatte es den Anschein, als wären ein Großteil der Anwesenden gerade dabei sich in oder um Arbeitskämpfe herum zu engagieren. Manchen waren aus der Solidaritätsgruppe für die Amazonarbeiter_innen in Leipzig und frustriert darüber dass sich dort keine Dynamik entwickelt. Entsprechend interessiert waren alle an den praktischen Erfahrungen Wolfgang Schaumbergs,

Gewerkschaftlinke im Westen

In den beiden Städten im Westen, Nürnberg (50 Zuschauer_innen) und München (25 Zuschauer_innen) war das Publikum deutlich gemischter. Dort kamen auch ältere Menschen zu den Veranstaltungen. Im Kontrast wurde uns klar, dass es im Osten keine gewachsene Szene von Gewerkschaftslinken gibt. In Nürnberg wurde die Veranstaltung von den Falken und der Initiative Solidarischer Arbeiter_innen ISA organisiert, in München kamen die Münchener Gewerkschaftslinken, die derzeit v.a. mit den Kämpfen in Krankenhäusern beschäftigt sind.

 

„Du lebst nicht vom Auto, sondern vom Verkauf deiner Arbeitskraft“

Fragen, die sich in den Filmgesprächen durchzogen haben, waren wie die GoGler mit Kolleg_innen geredet haben, die keine Linken waren. Teilweise haben Opel Kollegen die Unternehmenspropaganda nachgebetet und sich auch mit Opel identifiziert und Sachen gesagt wie z.B.: „Wir leben doch vom Auto!“. Es war für Wolfgang klar, dass er auf so etwas nicht antworten konnte: „Du lebst nicht vom Auto, sondern vom Verkauf deiner Arbeitskraft“. Das hätte nicht funktioniert. Es musste also immer auf greifbare Situationen abgehoben werden: „Du hast doch eine Fahrgemeinschaft organisiert, um zur Arbeit zu kommen. Das ist dir dann doch lieber, als dass du dir ein Zweitauto anschaffst. Und das, obwohl wir angeblich vom Auto leben?“

Viele fragten nach, wieso der Versuch, sich als General Motors Arbeiter international zu organisieren dann doch gescheitert sei: Die falschen Leute seien angesprochen worden, die später oft die Seiten gewechselt hätten. Die GoG Leute hätten sich in den jeweiligen Werken besser mit kommunistischen Arbeiter zusammengetan, die keine gewerkschaftliche Funktion im Betrieb hatten.

Dass es möglich ist, Bildungsurlaub selbst zu organisieren war für die meisten Zuschauer_innen auch neu und inspirierend.

Das Thema Transition wurde auch oft angesprochen. So wichtig es ist darüber zu sprechen, dass wir ohne Kommando des Kapitals produzieren müssen was wir wirklich brauchen, und so unbestritten es ist, dass die Arbeiter_innenbewegung keine Zukunft hat, wenn sie nicht irgendwann die Produktionsmittel übernimmt so wichtig ist es auch zu verstehen, dass Forderungen nach Übernahme der Produktion durch die Belegschaft oft in der falschen Situation auftauchen. 2004 etwa gab es z.B. seitens der MLPD die Forderung, die Produktion bei Opel Bochum zu übernehmen. Dies wurde von Wolfgang angesichts des Eingebundenseins der Autoproduktion in den Weltmarkt als entschieden unrealistisch bewertet: „Wir hätten die Autos ja nicht am Straßenrand verkaufen können“.

 

Feedback

Es war schön und überraschend zu sehen, wie viel dringendes praktisches Interesse es an den Erfahrungen der GoG gibt und dass es mit dem Film und der Tour gelungen ist, diese Themen aufzuwerfen und zur Diskussion zu stellen. Hier zwei Feedbacks nach der Aufführung in Leipzig. Das erste ist von der Gruppe translib:
 

Gestern Abend haben wir den Film "Luft zum Atmen" gezeigt und mit der Regisseurin Johanna Schellhagen und dem Protagonisten Wolfgang Schaumberg diskutiert. Es war ein wunderbarer Abend und ein toller Film! Ermöglicht wurde der Film durch das Kollektiv labournet.tv aus Berlin. Sie drehen nicht nur selber unentbehrliche Filme wie "Luft zum Atmen" oder "Die Angst wegschmeißen", sondern betreiben vor allem eine kostenlose Internetplattform für Filme aus der Arbeiter_innenbewegung mit über 800 Filmen aus 52 Ländern. Das ist ein wichtiges Gegenarchiv für uns, denn hier werden die Erfahrungen und Perspektiven derjenigen aufbewahrt und verbreitet, die im Kapitalismus "nichts zu sagen haben". Gezeigt werden Kämpfe in den Produktionsstätten, die das Kapital systematisch vor den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit abschirmt. Gezeigt werden Menschen, die ihre Vereinzelung aufbrechen und gemeinsam ihre Macht entdecken. Diese Bilder wirken ansteckend - und das sollen sie auch. Damit das weiterhin möglich ist, braucht labournet.tv dringend eure materielle Unterstützung. Falls ihr Geld übrig habt, ist es hier in den richtigen Händen. https://de.labournet.tv/unterstuetzt-uns
 

Und noch eine Reaktion auf den Abend in Leipzig von Daniel Kulla:

Ihr müsst echt alle den neuen labournet.tv-Film "Die Luft zum Atmen" schauen, der so großartig ist, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es geht um die selbstorganisierten Arbeitskämpfe der Betriebsgruppe GoG (»Gruppe oppositioneller Gewerkschafter«, später »Gegenwehr ohne Grenzen«) bei Opel in Bochum seit den frühen 70er Jahren bis zur Werksschließung 2014, das heißt, es gibt sehr viel Klassenkampf-Erfahrung aus erster Hand und sehr viel Lernprozesse zu sehen, zwei der wichtigsten Wilden Streiks der Nachkriegsgeschichte und viele kleine Abwehrkämpfe, bezahlte Bildungsurlaube und grenzüberschreitende Organisationsversuche gegen die Standortkonkurrenz, dazu allerlei Lehrreiches aus dem Verhalten der Linken, alles äußerst charmant erzählt und filmisch flott aufbereitet.

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