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Warum Filme über Arbeitskämpfe machen?

Warum Filme über Arbeitskämpfe machen?

5 Videos | 2014

Im Mai 2014 haben wir eine Serie von Gesprächen und Interviews organisiert zu der Frage "Warum Filme über Arbeitskämpfe und die alltägliche, banale Ausbeutung machen?"

Wir wollten eine Diskussion anstoßen über die Rolle von Film und Video bei der Abbildung von und Teilnahme an Arbeitskämpfen und besonders über die Trennung und mögliche Interessenskonflikte zwischen Filmemacher_innen und den Arbeiter_innen, deren Kampf dokumentiert wird. Dabei waren wir vor allem von einem Projekt inspiriert, das Chris Marker im Frankreich der 70er Jahre initiiert hat: die Medvedkin Gruppen. Diese Gruppen setzen sich aus Filmleuten und Fabrikarbeiter_innen zusammen, die beschlossen, zusammen Filme zu machen, um die Realität des Fabriklebens und ihren Kampf gegen Ausbeutung zu zeigen.

Die Medwekin Gruppen begannen 1967, als Chris Marker und Mario Marret zur Rhodiacéta Fabrik in Besançon kamen, um den Kampf der Arbeiter_innen zu filmen, die begonnen hatten zu streiken und ihren Arbeitsplatz zu besetzen. Daraus entstand der Dokumentarfilm „A bientot j'espère" (“Bis bald, hoffentlich"), in dem die Streikenden über ihren Alltag, den Kampf und ihre Forderungen sprechen. Ganz im Geist des Mai '68 kritisierten sie nicht nur ihre Arbeitsbedingungen, sondern stellten auch das Leben, das ihnen auferlegt war insgesamt in Frage.

“Für uns ist die Kultur ein Kampf, eine Forderung.  So wie das Recht auf Brot und Wohnung, fordern wir Zugang zur Kultur."

Als die Regisseure eine Aufführung des Dokumentarfilms in der Fabrik organisierten, um die Meinung der Arbeiter_innen zu hören, kritisierten diese den Film, weil er wichtige Aspekte ihrer alltäglichen Erfahrung nicht zeigte. Das führte zur Gründung der ersten Medwekin Gruppe in Besançon, in der es darum ging, dass die Filme von den Arbeiter_innen selbst gemacht werden sollten: die Filmemacher würden den Arbeiter_innen nur mit der Technik behilflich sein und sie die Grundlagen des Filmemachens lehren, während die Arbeiter_innen alle Entscheidungen über Inhalt und Ziel der Filme fällen würden.

Der erste Film der Gruppe, “Classe de lutte” (hier auf vimeo zu sehen, - ohne Untertitel), folgt dem Leben der Suzanne Zedet, einer Arbeiterin und Gewerkschaftsaktivistin einer nahegelegenen Uhrenfabrik. Sie muss nicht nur gegen das Management kämpfen, sondern auch gegen den Widerstand ihres Ehemannes, der sich „dazu verpflichtet“ fühlte, sie davon abzuhalten in der Gewerkschaft aktiv zu sein. Sie muss nicht nur in einer Fabrik arbeiten, in der vor allem Frauen arbeiten und in der gewerkschaftliches Engagement tabu ist – als Ehefrau und Mutter muss sie auf noch jede Menge Reproduktionsarbeit leisten, sodass ihr wenig Zeit bleibt für politisches Engagement. Der Film beginnt mit Bildern von Arbeiter_innen, die den Film schneiden und entwickeln und dabei unter einem Transparent stehen, auf dem steht: “Kino ist nicht Magie; es ist eine Technik und eine Wissenschaft, eine Technik, die aus der Wissenschaft kommt und in den Dienst des Willens gestellt wird: des Willens der Arbeiter, sich zu befreien.“

Nach einer Serie von Kurzfilmen, die „Les nouvelles sociétés” („Die neuen Gesellschaften“) genannt wurde, endete die Geschichte der Medwekin Gruppe in Besançon - zum Teil auf Druck der Gewerkschaftssekretäre, die diese ziemlich unorthodoxe Art und Weise politisch aktiv zu sein, nicht schätzte, wie sich Bruno Muel, ein Filmemacher, der an dem Projekt teilgenommen hatte, in einem Interview erinnert, das wir im April 2014 mit ihm gemacht haben. In diesem Interview fasst er die Geschichte des Projektes zusammen und beschreibt die Gründung der zweiten Medwekin Gruppe in Sochaux, deren Mitbegründer er war.

“Das schmeckte den Partei- und Gewerkschaftsleitungen gar nicht. Die luden sie vor und sagten ihnen: "Hört mal, Schluss mit dem Theater!"

1968 zog Pol Cebe, ein Rodiacéta Arbeiter, der wichtig war für die Medwekin Gruppe, nach Sochaux um. Mit Bruno Muel und jungen Peugeot Arbeiter_innen gründete er die zweite Medwedkin Gruppe. Während die älteren Arbeiter_innen in Besançon das Filmemachen genutzt hatten, um ihre Streiks und das exemplarische Leben von Gewerkschaftsaktivist_innen zu dokumentieren, waren die Filme der jungen Arbeiter_innen von Sochaux leichter, aber deshalb nicht weniger subversiv: in einem Commedia dell'Arte ähnlichen Stil spielten sie Szenen nach, die sie selber in der Peugeot Fabrik und in den Arbeiterheimen erlebt hatten. Dabei insistierten sie auf der Diskrepanz zwischen dem, was ihnen versprochen worden war, als sie den Job akzeptiert hatten, und der Realität ihres Lebens als Arbeiter. Der möglicherweise beste Film dieses Kollektivs ist der Kurzfilm “Les trois-quarts de la vie” („3/4 des Lebens“), den sie 1971 gedreht haben. 

“In der Fabrik arbeitet man am Fließband. Zu Hause muß man Schlange stehen, um zu essen."

In den 1970er Jahren wurde die Repression in der Fabrik immer härter. Das Fließband wurde immer schneller, Leben und Träume wurden zermalen unter dem Produktivitätsdiktat. Der letzte Film der Medwedkin Gruppe Sochaux, “Avec le sang des autres” („Mit dem Blut der andern“), das von der Gruppe begonnen wurde, musste von dem Filmemacher Bruno Muel alleine fertig gestellt werden, weil die Arbeiter_innen mit der Zeit die Energie und den Elan verloren hatten, in einem solchen Kontext Filme zu machen. Dennoch gelingt es in diesem wichtigen Dokument, etwas zu beschreiben was, abseits, von Streiks und Aktionen, selten abgebildet wird: die schreckliche Banalität alltäglicher Ausbeutung.

“Und dann kommst du plötzlich und fragst was Sozialismus ist. Worauf warten wir? Wir wissen nicht einmal mehr das.“

Was können wir aus der Erfahrung der Medwekin Gruppen lernen? Und warum heutzutage Filme über Arbeiter_innenkämpfe machen? Die gegenwärtige Krise hat zu einer neuen Welle von Kämpfen geführt, die, dank der Verfügbarkeit von billigen Kameras, Camcordern und Smartphones gut dokumentiert wurden. Verschiedene Videokollektive versuchen insbesondere Arbeiter_innenkämpfe abzubilden und sehen sich dabei manchen der Probleme gegenüber, die in bereits in den 70er Jahre aufgeworfen wurden: das Verbot an den Arbeitsplätzen zu filmen, die Repression, mit denen Arbeiter_innen sich konfrontiert sehen, wenn sie sich entschließen, über ihre Arbeitsbedingungen zu reden, aber auch die Gefahr von Missverständnissen und Vereinnahmung.

Dazu kommt, dass, auch wenn die Demokratisierung der Kameras den Unterschied zwischen Filmemacher_innen und Arbeiter_innen nivelliert hat, und auch wenn die Sozialen Medien es den Arbeiter_innen theoretisch erlauben würden, die Nachrichten über ihre Kämpfe ohne Gewerkschaftsvertreter_innen oder externe Aktivist_innen zu verbreiten, Arbeitskämpfe immer noch weit davon entfernt sind, es auf die Titelseiten zu schaffen oder große Solidaritätsbewegungen auszulösen.

Im Mai 2014 haben wir mehrere Videokollektive aus verschiedenen Ländern interviewt (Diakoptes aus Griechenland, Mosireen aus Ägypten, Reelnews aus England und Laborbeat aus den USA). Wir haben ihnen die folgenden Fragen gestellt:

Warum macht ihr Filme über Arbeiter_innenkämpfe?
Welche Probleme habt ihr dabei?
Wir vertreibt ihr eure Videos?
Was ist eure Ziel dabei?
Ist es heute einfacher als in den 70er Jahren, Filme über Arbeiter_innenkämpfe zu machen?

“Wir versuchen, Video als politische Waffe zu verwenden.“

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