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Der Kampf bei SDA in Carpiano- Bericht einer Soligruppe

Der Kampf bei SDA in Carpiano- Bericht einer Soligruppe

14.10.2017

Waffenstillstand im Hub von SDA in Carpiano: sie wollten Arbeiter entlassen und das Lager beruhigen und normalisieren, aber sie wurden gestoppt!

Nach einer fast einen Monat andauernden Aussperrung, haben SDA und der SI Cobas am 12. Oktober in der Präfektur eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der die Wiedereröffnung des Hub von Carpiano entschieden wurde. Die Arbeit im Lager war zuvor auf Anordnung der Unternehmerseite stillgelegt worden. SDA hatte sich in früheren Treffen konsequent geweigert, einen Raum für Verhandlungen zu öffnen, um so die Gewerkschaft auszulöschen und wieder in eine günstige Machtposition zu gelangen. Dank der Entschlossenheit und dem Widerstand der Arbeiter ist es nun gelungen, dies zu verhindern. Mit taktischem Geschick haben sie es unterbinden können, von SDA politisch isoliert zu werden. Es wurde ein Schmutzkampagne geführt, in der die Arbeiter für Schäden am Standort verantwortlich gemacht wurden. Es wurde Druck auf die Arbeiter ausgeübt, damit sie der Annullierung von Rechten, für die sie jahrelang gekämpft haben, zustimmen.

Der Gewaltakt von SDA, drei Monate vor Vertragsablauf die Kooperative zu wechseln, die mit den Abfertigungsdiensten in Carpiano beauftragt werden soll, kollidierte mit dem Arbeitnehmerwunsch, die erkämpften Rechte zu wahren. Das Konsortium UCSA wurde beauftragt. UCSA musste sich, um den Zuschlag zu erhalten, von den Vereinbarungen mit FEDIT – dem Haupt-Subunternehmen, das für SDA, aber auch für GLS und Bartolini arbeitet - distanzieren. Insbesondere geht es um zwei Punkte in diesen Vereinbarungen: die Nichtanwendung des Jobs Acts (und der damit einhergehenden absoluten Deregulierung des Kündigungsschutzes, die von Poletti und Renzi eingeführt wurde) und die Sicherung von Sozialklauseln, die den Arbeitern, die bei Subunternehmen angestellt sind, im Falle eines Auftragswechsel den Arbeitsplatz sichert. Das sind progressive Errungenschaften, die durch die Einheit und die Solidarität der Arbeiter erkämpft wurden. Sie haben die ausbeuterischen Bedingungen beseitigt, unter denen die Lagerarbeiter schuften mussten. Dank dieser Klauseln war es möglich, das Ungleichgewicht zwischen Kapital und Klasse zugunsten der Klasse zu verschieben. Sie stellen auch eine deutliche Verbesserung des unzureichenden Arbeitsschutzes dar, der im Nationalen Tarifvertrag für die gesamte Branche vorgesehen ist. Die Teilnahme von UCSA am Wettbewerb für die Vergabe des Auftrags wurde vom SOL Cobas unterstützt. Unmittelbar nach Unterzeichnung der Vereinbarung legitimierte SOL Cobas die eigene Funktion, indem er eine gewerkschaftliche Vereinbarung mit schlechteren Bedingungen unterzeichnete. Dieser Ausverkauf von Rechte an den schlimmsten Ökonomismus (bestenfalls) schwächte den Streik der beim SI Cobas organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter und in der Tat die gesamte Belegschaft. Das ist nicht verwunderlich: Wir können uns nichts Gutes erwarten von Leuten, die bei dem letzten Generalstreik der Logistik mit Ketten in den Händen vor dem Hub in Carpiano eingesetzt wurden, um den Streik zu brechen.

Dieser infame Deal kam SDA in allen Forderungen entgegen: Kündigungsfreiheit und die Nichtanwendung der mit FEDIT verhandelten Standards. Die darauf folgende Blockade der Hubs von Bologna und Rom und der Streik in Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in Mailand, gab SDA den Vorwand auch die Tore dieser Lager zu schließen. Dem SI Cobas wurde die Schuld für massiven wirtschaftlichen Einbußen zugeschoben und er wurde verantwortlich gemacht für eine angeblich dadurch entstandene unumkehrbaren Unternehmenskrise.

Tatsächlich ist es aber keine neue Situation: es ist belegt, dass diese Krise schon seit Jahren andauert dass Poste Italiane, die 100% Mutter von SDA, stets durch neue Kapitalzufuhr beigelegt wurde. Es handelt sich dabei nicht um Wohltätigkeit, sondern um einen ausgefeilten Industrieplan, der zu einer Zeit, in der die Postzustellung einem unaufhaltsamen Niedergang entgegen geht, andere Investitionen erfordert. Und die Logistik ist, obwohl die strukturelle und systemische Krise nicht gelöst ist, einer der wenigen Bereiche, in denen durch die Explosion des Online-Handels Kapital wächst und Gewinne maximiert werden können. Der Online-Handel schafft einerseits neue Profitmöglichkeiten für die großen Kurierdienste, auf der anderen Seite entstehen neue Herrschaftsbündnisse und ein Verdrängungswettbewerb, den - vor allem im Hinblick auf die Kostenreduktion (vor allem Arbeitskosten) - Arbeiter in der gesamten Industrie zu spüren kriegen.

Es war also keine Überraschung, als kürzlich das Vorhaben von Poste Italiane bekannt wurde, einen Hub an Amazon zu verkaufen (das Flaggschiff im Hinblick auf Investitionen in Automatisierung), - nachdem er „befriedet“ und alle gewerkschaftlichen Aktivitäten unterbunden worden wären. So können Gewinne kurzfristig maximiert und Kapital gewonnen und akkumuliert werden, um es neu zu investieren (oder auch nur, um schwere Verluste auszugleichen). Es ist augenscheinlich, dass es sich nicht nur um einen Versuch handelt, Verluste einzudämmen und wieder die Kontrolle in den Lagern zu übernehmen. Es handelt sich vielmehr um einen gezielten und schwerwiegenden politischen Angriff mit dem Ziel, den SI Cobas auszulöschen, weil er die Speerspitze darstellt in diesem Konflikt, der vor allem von migrantischen Arbeitskräften getragen wird. Seine Errungenschaften und Organisation sollen zunichte gemacht werden. Ein gefährlicher Präzedenzfall, der, falls sie die Strategie aufgegangen wäre, wiederholt und auf andere teilnehmenden Parteien und Unterzeichnern der FEDIT-Vereinbarungen angewendet hätte werden könnte.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Klassenverhältnisse dialektische Beziehungen sind: dynamisch und nie nie in Stein gemeißelt. Die herrschenden Klasse wird immer wieder die Macht und den Profit, die zugunsten der Arbeit abgezogen wurden, zurückfordern. Auch aus diesem Grund war es ein Angriff auf ganzer Ebene gegen die Gewerkschaft und gegen widerständige Arbeiter. SDA und deren Schergen scheuten keine Provokation: es wurden Banden von Streikbrechern aus ganz Italien (aus Apulien Kampanien, etc.) angeheuert, die sich in geschlossenen Facebook-Gruppen organisiert hatten, um Streikende an den Toren mit Messern zu bedrohen. Es wurde versucht, die Arbeiter für die erlittenen Schäden, verlorenen Arbeitsplätze und die ausgefallenen Lieferungen direkt verantwortlich zu machen. Pakete wurden auf andere Lager umverteilt (Buccinasco, Piacenza und Vimodrone), in denen die Gerwerkschaften wenig bis gar keinen Einfluss haben. Neue Aufträge wurden (zu höheren Preisen) an andere Logistikunternehmen ausgelagert.

Unterstützt werden sie von einer kompakten und mächtigen Front bestehend aus mehreren institutionellen Akteuren (unter ihnen der Partito Democratico) und die bürgerliche Presse, welche die Interessen von SDA / Poste Italiane blind verteidigen. Wir haben uns bereits an die parteiische Berichterstattung der unterwürfigen Presse im Dienste der Herrschenden gewöhnt und auch an die Komplizenschaft der Konföderalen Gewerkschaften, die sich nach jahrzehntelangen Kämpfen ergeben haben. Es wird weiterhin ein gescheitertes Modell verteidigt, das Arbeiterrechte verraten und Löhne gesenkt hat. Die Rolle dieser Parteien in diesem Fall ist unmoralisch und verabscheuungswürdig. Die Arbeitnehmerverbände CGIL, CISL und UIL haben sich für die Wiederherstellung der bürgerlichen Legalität stark gemacht. Es geht um die Verteidigung des Streikrechts und der „individuellen Freiheit eines jeden Menschen“, auch das Ministerium für Verkehr hat sich beteiligt und es wurde sogar eine Kundgebung in Rom „gegen die Instrumentalisierung der Arbeiterkämpfe" organisiert.

Schließlich möchten wir noch die besonders unterwürfige und reaktionäre Rolle des Partito Democratico hervorheben, vertreten durch den niederträchtigen Stefano Esposito, der zum Schutz der SDA wiederholt das Eingreifen der Polizei gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter gefordert hatte. Die Vereinbarung von gestern markiert nicht das Ende des Kampfes. Im Gegenteil, es handelt sich nur um eine Art Waffenstillstand im Konflikt zwischen Interessen, die unvereinbar bleiben. Das Verfestigen der Positionen, das zwei unbestreitbare Fakten versteckt: der Umstrukturierungsplan des Hubs wurde verhindert und die Arbeiter, die man durch die Aussperrung ausgrenzen wollte sind immer noch alle drinnen und kampfbereit. Das Konsortium UCSA plant nach wie vor, nach der Übernahme den Jobs Act für alle Arbeiter in Carpiano anzuwenden.

SDA / Poste Italiane plant inzwischen bereits die nächste Umstrukturierung, die zu einer drastischen Reduzierung des Personals führen wird, und nicht nur Carpiano, sondern alle italienischen Hubs und Lager betreffen wird. Im Übrigen erlaubt es das Ansteigen der Produktivkräfte, welches durch technologische und informationelle Innovationen ermöglicht wurde den Logistikunternehmen, die Zahl der Arbeitnehmer zu verringern und gleichzeitig das Tempo und die Arbeitszeiten für die „glücklichen“ angestellten Arbeiter anzuheben. Der Widerspruch zwischen technologisierter "Modernität" und der Qualität der Lebens- und Arbeitsbedingungen wird so immer deutlicher. Es ist ein horizontaler Prozess, der in allen Produktionsbereichen dasselbe Ziel verfolgt, wenn er nicht aufgehalten und auch mit den Mitteln des „Arbeiterwissens“ über die Abläufe und Schwachpunkte der Produktion bekämpft wird. Andernfalls besteht die Gefahr einer neue Vertikalität, die durch Kontrolle neue Profitmargen erwirtschaftet und die absolute Klassenkontrolle erreicht haben wird.

Die nächsten Herausforderungen, die auf die Gewerkschaft, die Arbeitnehmer und alle solidarischen Personen warten, sind enorm. Sie können nur dank des Einflusses, der Kraftverhältnisse und der Mobilisierungsfähigkeit, welche die Gewerkschaft auf nationaler Ebene aufgebaut hat, bestanden werden. Wir müssen uns für die kommenden Herausforderungen und Kämpfe rüsten und wir wissen, dass die herrschaftlichen Angriffe nur durch Solidarität, Einheit und den Klassenkampf abgewehrt werden können. Das langfristige Ziel muss sein, diese Kämpfe auf eine rein politische Ebene zu heben, um eine revolutionären Transformation der Produktion und der sozialen Beziehungen zu ermöglichen. Die Herausforderung besteht darin, auf dieser Basis fortzufahren und so die konkrete Möglichkeit der Ausweitung des Klassenkonflikts und eines wirklichen Widerstandes gegen Kapitalinteressen aufzubauen.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, um solidarische Grüße an die Arbeiter und Arbeiterinnen zu schicken, mit denen wir den letzten Monat verbracht haben. Tag für Tag standen wir vor den verdammten Toren, die von den Eigentümern geschlossen gehalten wurden. Es ist ein Ort der Ausbeutung, aber eben auch ein Ort, an dem Rechte erkämpft wurden und wo der Lohn erarbeitet wird. Unsere Anerkennung gilt auch den Fähigkeiten und dem Widerstandswillen der Vertreter und Koordinatoren des SI Cobas, die sich für die Beteiligung der Arbeiter in jedem einzelnen Schritt und in jeder Abstimmung eingesetzt haben.

E R W E I T E R N W I R D I E K L A S S E N S O L I D A R I T Ä T: UNTERSTÜTZT DEN KAMPF DER ARBEITERINNEN UND ARBEITER VON SDA.

Quelle: http://www.csavittoria.org/it/capitalelavoro/tregua-armata-allhub-sda-di...