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Auszüge aus dem Buch "On Vaut Mieux Que Ca" (Mehr wert als das)

Auszüge aus dem Buch "On Vaut Mieux Que Ca" (Mehr wert als das)

Das Buch ist im Zuge des Projektes entstanden. Youtube Aktivist_innen hatten im Frühling 2016 dazu aufgerufen, Berichte von ihrer Arbeit unter dem gleichnamigen Hashtag einzusenden. Das Buch umfasst 1.300 Seiten und tausende Berichte. Es kann hier kostenlos als PDF heruntergeladen werden: https://www.hacking-social.com/2017/03/23/onvautmieuxqueca-votre-livre-d...

Wir haben drei Berichte aus dem Buch ins Deutsche übersetzt:

 

S.103

Das Einzige, was mir von meinem Beruf bleibt, ist dieser Schmerz

Ich weigerte mich, in zehn Metern Höhe über ein Gerüstgeländer zu steigen, nur damit man den Lastenaufzug nicht umsetzen musste. Am nächsten Tag forderte mich der Chef auf, meinen Hut zu nehmen, diese Arbeit wäre wohl nichts für mich. Ich rechtfertigte mich und erklärte die Sache; es half alles nichts, seitdem hatte ich es schwer mit den anderen Beschäftigten, es ging bis hin zu Beleidigungen und Drängeleien. Nicht mal einen Monat später wirft mir ein betrunkener Arbeiter einen Schraubenschlüssel zu, den ich brauchte, aber er schmeißt ihn mir direkt ins Gesicht. Ich kann geradeso ausweichen, rutsche aus und falle vom Dach.

Meine linke Schulter hat für immer einen Schaden, ich kann in meinem Beruf nicht mehr arbeiten, den ich doch sehr gemocht habe. Die Berufsunfähigkeit wurde mir nicht zuerkannt, weil ich die Schulter noch bewegen kann, wenn auch nicht zu hundert Prozent; da spielt es auch keine Rolle, dass meine Schulter, wenn ich draufdrücke, einen fürchterlichen Schmerz ausstrahlt (mehr als den gewohnten) und ich sie dann eine ganze Weile nicht bewegen kann.

Ich habe kein Anrecht auf irgendeinen Zuschuss für eine andere Ausbildung oder sonstwas, womit ich eine Arbeit finden könnte. Das Einzige, was ich von der Arbeitsagentur zu hören bekomme, ist, ich solle in meinen alten Beruf zurückkehren… wenn ich das nur könnte! Das geht nun schon fünfzehn Jahre so und das Einzige, was mir von meinem Beruf bleibt, ist dieser Schmerz, den ich jeden Tag spüre und den ich spüren werde bis an mein Lebensende.

 

 

S. 138

Ich war immer vernünftig

Ich war immer vernünftig.

Als Schüler entschied ich mich für das Abi mit Wirtschafts- und Sozialprofil, wegen der Berufsaussichten. Dann Ausbildung zum Facharbeiter, um gleich was Richtiges zu lernen. Mein Traum wäre es gewesen, Drehbuchautor zu werden oder Literatur zu studieren, aber mir war klar, dass man davon nicht leben kann. Schulische Fachausbildung also. Hat funktioniert; ich habe ohne Schwierigkeiten Arbeit gefunden, vor der Krise und danach. Am Anfang bekam ich keinen guten Lohn, aber immerhin konnte ich davon leben und ein bisschen reisen.

Später habe ich nochmal studiert, im selben Fachgebiet, und habe dann auch Leitungsstellen bekommen in Unternehmen, in denen die Atmosphäre gar nicht schlecht war. Ich hatte gute Kollegen und gute Vorgesetzte (nicht alle natürlich). Kurz: alles gut. Ich bin aber nie in meiner Arbeit aufgeblüht. Sie hat mich nie interessiert und war immer nur Mittel zum Zweck. Rein persönlich hat sie mir nichts gebracht, außer das Geld, das man zum Überleben und zum Leben braucht. Es geht nur darum, sein Gehirn auf Stand-by zu schalten und sinnlose Aufgaben zu erledigen, damit die Firmen-Maschine läuft wie geschmiert und die Aktionäre sich dumm und dusselig verdienen. Ich habe erst zehn Jahre gearbeitet und die Arbeitswelt hängt mir schon zum Hals raus.

Wenn man gut klarkommt und die Entfremdung trotzdem schon da ist, mag ich mir gar nicht vorstellen wie das für Leute ist, die nicht so ein „Glück“ hatten wie ich. Im Grunde bin ich immer ein Künstler gewesen und in meinen Augen ist die Lohnarbeit nur dazu da, den Kühlschrank vollzumachen. Es ist Zeit zu leben.

 

 

S. 677

Ich bin PJ-lerin, Medizinstudentin im fünften Jahr

Ich habe lange überlegt, ob ich euch schreiben soll; denn sicherlich bin ich nicht die Bedauernswerteste. Aber heute will ich euch ein bisschen was erzählen, von meiner Situation, aber vor allem von der meiner Kolleg_innen.

Ich bin PJ-lerin, Medizinstudentin im fünften Jahr, in einer der zahlreichen Unikliniken in Frankreich. Von Anfang an bin ich durch keine Prüfung gefallen, ich mag das Studium und meinen zukünftigen Beruf. Ihr sagt jetzt bestimmt, „na, dann ist ja alles gut!“ Aber die Famulatur und das Praktische Jahr haben mir die Augen geöffnet über den Krankenhausbetrieb und unsere Arbeitsbedingungen.

Vor kurzem bin ich in die Geriatrie gewechselt, eine Abteilung mit ziemlich schweren Fällen also. Aber das Krankenhaus teilt hier genauso viele Krankenpfleger_innen und Pflegehelfer_innen ein wie in der Dermatologie, wo die Fälle natürlich sehr viel weniger schwer sind. Wozu führt diese Unterbesetzung? Das Personal ist erschöpft, völlig am Ende, immer wieder krankheitsbedingte Ausfälle, wodurch das restliche Personal noch mehr belastet wird. Es ist keine Seltenheit, Pflegekräfte mitten am Tag zusammenbrechen und weinen zu sehen; mehr als die Hälfte des Personals leidet an Rückenschmerzen, weil man die Leute allein tragen und umbetten muss. Die Arbeitstage sind für alle sehr lang, oftmals vergisst man Sachen, man hört nicht mehr zu und hat keine Zeit mehr, man bewegt sich im Laufschritt, immer. Einmal hat man uns eröffnet, dass wegen Ausfällen (aufgrund von Depression, das heißt: Burnout) in der Nacht nur eine Krankenschwester da sein wird. Ja, eine einzige. Für dreißig Patienten, von denen die meisten völlig auf Hilfe angewiesen sind.

Die Ärzte sind nicht immer besser dran, entweder arbeiten sie lange Schichten oder sind in Rufbereitschaft, immer auf dem Sprung zwischen Station, Patientengespräch und Tagespflege. Auch die Studenten sind am Ende völlig erschöpft, denn sie versuchen all das aufzufangen, wofür der Rest des Personals keine Zeit hatte.

Und wenn wir schon von Arbeitsbedingungen sprechen, sehr hart ist auch eine andere Station: die Notaufnahme. Im Sommer habe ich sechs Wochen in der Notaufnahme gearbeitet und wieder fand ich dasselbe vor: überlange Arbeitszeiten, völlig fertiges Personal, und Pausen waren unmöglich… sonst würde man als Verräterin gelten. Also habe ich (und ich war nicht die Einzige) die Tage durchgearbeitet, bei 39°C, unter dem Mundschutz; und ich hatte große Schwierigkeiten, mal kurz zu verschwinden, um meine Medikamente zu nehmen. Und das Ganze mehr als fünfzig Stunden die Woche für hundert Euro im Monat.

Ich hätte noch Einiges zu erzählen über Vorgesetzte, die an den Studenten ihren Frust ablassen, über sexistische Äußerungen, über Leute, die dir sagen, dass du für’s Medizinerdasein nicht gemacht bist, wenn du 48 Stunden ohne Schlaf nicht durchhältst…

Eines ist jedenfalls sicher, wir alle sind mehr wert als das.